Erste ATN-Studie „Trennungsangst beim Hund“: Die Ergebnisse

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Erste ATN-Studie „Trennungsangst beim Hund“: Die Ergebnisse © Eva Blanco/iStock

Trennungsangst beim Hund ist ein großes Thema. Bello allein zu Haus – das war unser Arbeitstitel für die erste wissenschaftliche Studie der ATN. Jetzt wurden die Ergebnisse im weltweit renommierten Wissenschaftsmagazin „Applied Animal Behaviour Science“ veröffentlicht. Die Kernfrage:  Wie verhalten sich Hunde, wenn sie in der Wohnung alleinbleiben müssen. Manchmal wird die Frage von ihnen selbst beantwortet: wenn der Mensch beim Nachhausekommen die Wohnung nach Hundegeschmack umdekoriert vorfindet. Oder wenn Nachbarn sich über das Dauerbellen oder -heulen beschweren. Aber nur wenige Hunde zeigen auf diese Weise, dass Alleinsein für sie ein Problem ist. Bleibt die Frage: Was machen sie in den Stunden bis zur Rückkehr ihrer Lieblingsmenschen? Verhalten sich Rüden anders als Hündinnen? Unterscheidet sich das Verhalten von Hunden in Gruppenhaltung von solchen, die als Single zuhause allein sind? Und wenn ja, wodurch? Antworten auf diese Fragen fanden wir in unserer ersten Forschungsarbeit. 

Dafür wurden die Auswirkungen von 

  • Gruppen-/Einzelhaltung
  • Geschlecht
  • sexuellem Status

auf Aktivitätsniveau, Liegepositionen, Aufenthaltsorte und Lautäußerungen untersucht. 

Der lange Weg zur Veröffentlichung 

Für die Studie dokumentierten ATN-Schüler und Schüler unserer Partnerakademie ATM das Verhalten ihrer Hunde in ihrer Abwesenheit per Videoüberwachung. Unter Leitung des Biologen Gerrit Stephan wertete ein Team aus ATN-Schülern die aufgezeichneten Videos aus. In diesem „Kodierung“ genannten Arbeitsschritt wird das Verhalten nach einem vorgegebenen Schema in Datenmaterial übersetzt. Hier wurden hunderte Stunden gewissenhafter Arbeit geleistet, und wir verdanken unsere Ergebnisse auch dem außerordentlichen Engagement des Kodierungsteams. Eine echte Win-Win Situation, denn solche Projekte sind “eine  einmalige Chance für unsere angehenden Hundetrainer und Verhaltensberater“ betont Gerrit Stephan. „Wo sonst kann man außerhalb einer Universität aktiv an einer wissenschaftlichen Studie mitwirken?“. 

Im Anschluss an die Kodierung der Videos übernahmen Wissenschaftler aus unserem Dozenten- und Tutoren-Team Auswertung, wissenschaftliche Formulierung und Übersetzung der Ergebnisse ins Englische. Darunter Dr. Kurt Hammerschmidt, ein führender Wissenschaftler in der Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, der uns mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Forscher und Autor wissenschaftlicher Studien als Mitautor zur Seite stand.  

Nach sorgfältiger Prüfung durch einen Stab von Wissenschaftlern, die für die Redaktion alle Einsendungen auf Inhalte und korrekte Ausführung kontrollieren, wurde unsere Arbeit zur Publikation in „Applied Animal Behaviour Science“ akzeptiert. 

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Unter Beobachtung: Hunde allein zuhause ©ATN 

Überraschende Ergebnisse  

Auch während längerer Zeiten des Alleinseins verhielten sich die Hunde überwiegend passiv. In Mehrhundehaushalten war das Aktivitätsniveau allerdings vor allem in der ersten Stunde der Abwesenheit ihrer Menschen deutlich höher als in der Einzelhaltung. Überraschend war: Diese Unterschiede gehen nicht auf direkte Interaktionen zwischen den Hunden zurück. Tatsächlich wurden Aktivitäten wie  

  • Spiel 
  • gegenseitige Körperpflege
  • das Austragen von Konflikten

Zwischen den Hunden nur selten und kurzzeitig beobachtet.  

Die Auswertung ergab zudem, dass Hunde in Mehrhundehaltungen deutlich häufiger bellen als Hunde in Alleinhaltung. Dabei besteht ein signifikanter Unterschied zwischen Rüden und Hündinnen: Rüden bellen in der Gruppenhaltung häufiger und haben gleichzeitig die Tendenz, sich mit zunehmender Dauer des Alleinbleibens vermehrt an der Wohnungstür aufzuhalten. Diese Beobachtungen können unterschiedliche Hintergründe haben. Zum einen finden sich in der Literatur zahlreiche Hinweise, dass Rüden häufiger von Trennungsproblemen betroffen sein könnten als Hündinnen. Aber auch andere geschlechtsspezifische Unterschiede können eine Rolle spielen.  

Stimmungsübertragung, Trennungsangst oder Stress?

Vermehrtes Bellen in Abwesenheit von Menschen wird allgemein als ein mögliches Zeichen von Trennungsstress bewertet und ist für Hundebesitzer ein Problem. Fühlen sich die Nachbarn dadurch belästigt, kann das ein Verbot der Hundehaltung nach sich ziehen. Leiden also Hunde in Mehrhundehaltungen eher unter Trennungsstress, weil sie häufiger bellen? Diese Frage muss differenziert beantwortet werden.  

Das Phänomen „Trennungsangst“ wird in der wissenschaftlichen Literatur intensiv untersucht und diskutiert. Neben Angst und Trennungsstress werden verschiedene andere emotionale Hintergründe in Erwägung gezogen, die nicht immer eindeutig voneinander unterschieden werden können. Gebräuchlich ist daher heute die neutralere Bezeichnung „trennungsbedingtes Verhalten“ als Sammelbegriff für problematisches Verhalten in Abwesenheit von Menschen.  Dieser Begriff sagt nichts über Motivationen und Emotionen. Er umfasst alle potenziell problematischen Verhaltensweisen, die in Trennungssituationen auftreten. 

Bellen kanngrundsätzlich die Folge einer Stimmungsübertragung sein, selbst dann, wenn es nicht auf direkte Interaktionen zwischen den Hunden zurückzuführen ist. Andererseits gehört es zu den typischen trennungsbedingten Verhaltensmustern und kann trotz Anwesenheit eines anderen Hundes ein Zeichen von trennungsbedingtem Verhalten sein, also durchaus auf Trennungsstress/-angst oder Frustration hindeuten.  

Auch das vermehrte Bellen in der Gruppenhaltung könnte die Folge von Stimmungsübertragung sein: Das (Ver-)Bellen von Außenreizen eines einzelnen Hundes löst dann das Bellen anderer Hunde des Haushaltes aus. Ein Rückschluss auf die emotionalen Hintergründe des Verhaltens ist also nicht ohne weiteres möglich. Allerdings wird diese Lautäußerung als typischer Konfliktlaut gesehen, unter anderem, weil sie (abgesehen vom Spielbellen) in aller Regel im Zusammenhang mit unangenehmer Stimulation gezeigt wird. 

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Akribische wissenschaftliche Kodierung und Auswertung von Verhalten, eine extrem zeitaufwändige Arbeit  ©bongkarn/AdobeStock

Stressnachweis in der Wissenschaft 

In wissenschaftlichen Arbeiten darf nicht einfach behauptet werden, dass Stress einem Verhalten zugrunde liegt. Es muss neutral bewiesen werden. Um Stress unabhängig von einer Interpretation  des gezeigten Verhaltens sicher nachzuweisen, nutzt man im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten vor allem den Labornachweis von Stresshormonen im Blut oder im Speichel. Ist eine Situation wie die Trennung von der Bezugsperson für Hunde mit negativem Stress verbunden, reagiert ihr Körper physiologisch mit einer vermehrten Ausschüttung dieser Hormone. Ein solcher Anstieg im Blut ist messbar, was in der Forschung genutzt wird, um Stressbelastungen beweisbar zu machen.  

Solche Messungen waren im Rahmen der ATN-Studie nicht möglich. Die Probenentnahme erfordert die Anwesenheit von Menschen und ist daher während der Trennungen nicht umsetzbar. Messungen nach den Trennungen wären grundsätzlich möglich, aber aufgrund der akuten Auswirkungen der Rückkehr der Menschen nicht aussagekräftig in Bezug auf die Befindlichkeit während der Trennung.  

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

  • Unabhängig von der Dauer des Alleinseins zeigten die meisten Hunde selten Lautäußerungen und geringe physische Aktivität
  • Vor allem in der ersten Stunde des Alleinseins war das Aktivitätsniveau der Hunde in Mehrhundehaushalten höher.
  • In Mehrhundehaushalten kam es vor allem bei Rüden deutlich häufiger zu Lautäußerungen als in der Einzelhaltung.
  • Rüden halten sich häufiger als Hündinnen im Bereich hinter der Haustür auf.
  • Unseren Ergebnissen zufolge scheint die Mehrhundehaltung kein Garant zu sein für eine bessere Toleranz des Alleinseins. 

Zu zweit und trotzdem allein?

Vermehrtes Bellen und erhöhte Aktivität (gerade zu Beginn der Abwesenheit) gehören zu den typischen trennungsbedingten Verhalten. Auch wenn wir über die emotionalen Hintergründe unserer Beobachtungen keine zuverlässigen Aussagen machen können, haben wir zumindest keine Anzeichen finden können, dass Hunde in Gruppenhaltung besser mit Trennungen von den menschlichen Bindungspartnern zurechtkommen. Sie beschäftigen sich nur wenig miteinander und bleiben überwiegend passiv. Sie brauchen länger, um zur Ruhe zu kommen und bellen zwischendurch deutlich mehr als Hunde in der Einzelhaltung.  

Selbst wenn diese Beobachtungen überwiegend auf Stimmungsübertragung zurückgehen sollten, ist das Bellen sicherlich kein Indiz für gesteigertes Wohlbefinden. Wie gut oder schlecht es einem Hund in dieser Situation geht, bleibt also auch in der Gruppenhaltung eine Frage der individuellen Beobachtung. 

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Mehrhundehaltung ist kein Garant für die Akzeptanz des Alleinseins ©grategf1/Pixabay

Besonderheiten der Probandengruppe 

In allen Studien beeinflusst die Auswahl der Teilnehmer auch das Ergebnis und es gehört zum wissenschaftlichen Procedere, diese Besonderheiten offenzulegen. Für eine ausreichend große Zahl an Teilnehmern griffen wir hauptsächlich auf ATN-Schüler und Schüler unserer Partnerakademie ATM zurück. Allerdings können wir bei diesem Personenkreis von einer überdurchschnittlich sachkundigen Hundehaltung ausgehen, die nicht zwangsläufig auch den Querschnitt aller Hundehaltungen abbilden muss. Hunde aus Haushalten mit weniger Hintergrundwissen könnten darum ein von den Studienergebnissen abweichendes Verhalten zeigen. Mit mehr trennungsbedingten Verhaltensmustern. 

Bedeutung für die Praxis 

Es sind vor allem Berufstätige, die sich fragen, wie ihr Hund das tägliche Alleinsein verkraftet. Sie plagt das schlechte Gewissen, wenn allmorgentlich traurige Hundeaugen „nimm mich mit“ betteln. Welches Verhalten zeigt er in der Zeit des Alleinseins? Leidet mein Hund unter Trennungsstress? Sitzt er die ganze Zeit nur vor der Tür und wartet auf meine Rückkehr oder liegt er relaxt auf seinem Lieblingssofa? Als Halter ist man für das Wohl seiner Tiere verantwortlich und verpflichtet, Tierleid zu vermeiden, wo es vermeidbar ist. Die Suche nach Antworten diente demzufolge nicht nur der Befriedigung bloßer Neugier. Sie ist vor allem unter tierschutzrechtlichen Aspekten von übergeordneter Bedeutung.  

Vor dem Hintergrund unserer Studie empfehlen wir Hundehaltern, sich ihre Hunde während der Trennungszeiten per Videotechnik anzuschauen. Hunde verhalten sich während des Alleinseins zum Teil sehr unterschiedlich.  Diese große Variabilität des Verhaltens ist ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie. Auch in unserer Probandengruppe konnten wir in manchen Fällen deutliche Verhaltenssymptome von Trennungsstress beobachten.  

Jeder Hund ein Einzelfall

Die wichtigste Schlussfolgerung aus unseren Ergebnissen: Unabhängig von Gruppen- oder Singelhaltung ist es wichtig, sich das Verhalten der alleingelassenen Hunde im Einzelfall anzuschauen. Vor allem bei Verdacht auf eine erhöhte Stressbelastung. Dieser Rat schließt die Gruppenhaltung ganz ausdrücklich ein. Selbstverständlich kann ein vertrauter Artgenosse eine große Unterstützung in dieser Situation sein. Eine Garantie gibt es dafür allerdings nicht. Wir können nicht davon ausgehen, dass Gruppenhaltung eine Passepartout-Lösung gegen stressinduziertes trennungsbedingtes Verhalten ist. Oder anders ausgedrückt: Nur weil zuhause ein Hunderudel wartet, heißt es noch lange nicht, dass hier kein Platz für Trennungsprobleme ist. Ein Ergebnis, das uns besonders erstaunt hat. Trennungsprobleme, so hat sich gezeigt, sind immer individuell. Das Resultat unserer Studie deutet eher darauf hin, dass Hunde in der Gruppenhaltung möglicherweise sogar länger brauchen, um zur Ruhe kommen. Vorerfahrung und Persönlichkeit, aber auch Vorkommnisse während der Abwesenheit, von denen Halter nichts ahnen, beeinflussen die Fähigkeit von Hunden, ein zeitlich begrenztes Alleinsein ohne Anzeichen von Stress zu tolerieren. Je früher eine beginnende Trennungsangst erkannt und durch gezieltes Training entgegengewirkt wird, desto besser. Wer damit beim Welpen behutsam beginnt, baut der Entstehung von stressbedingtem Verhalten vor.   

Unter dem Strich werfen unsere Ergebnisse wie die anderer Studien auch am Ende weitere Fragen auf, die es zu beantworten gilt. Hier zeigt sich, es gibt noch viel zu tun in der Forschung an Familienhunden. Wir freuen uns sehr, dass wir als private Bildungseinrichtung gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern einen Beitrag leisten konnten und sind stolz darauf, dass sie in einem so renommierten Wissenschaftsmagazin veröffentlicht wurden. Allen Mitwirkenden möchten wir an dieser Stelle ganz herzlich danken. Insbesondere unseren Probanden und den Mitgliedern des Kodierungsteams. 

Trennungsangst beim Hund: Warten auf den Lieblingsmenschen
ATN-Forschung: Für eine gute Beziehung zwischen Mensch und Hund – von Praktikern für die Praxis ©WavebreakMediaMicro/AdobeStock

Darum forscht die ATN 

Forschung wird selten mit einer privaten Fortbildungseinrichtung in Verbindung gebracht. Aber das Wort „Akademie“ in der Namensgebung der ATN weist schon darauf hin: Wir wollen mehr, als nur Wissen auf verständliche Weise vermitteln.  

Ein wissenschaftliches Projekt in Angriff zu nehmen, bei dem unsere Schüler live mit dabei sind, ist  eine sehr charmante Möglichkeit, Forschung und Lehre zu verbinden. Die gute Vernetzung der ATN in der Wissenschaftsszene gab uns die Chance, dies unter der Leitung von Experten, die in der Forschung zuhause sind, zu tun. Unser Leitmotiv war und bleibt, Wissen zu schaffen, das für Hundehalter von praktischem Nutzen ist.  

Weitere Forschungsarbeit an der ATN? 

Ja! Wir sind auf den Geschmack gekommen. Auch wenn der Kern unserer Tätigkeit immer die Aus- und Fortbildung sein wird: Es wird künftig weitere Forschungsprojekte im Bereich der Mensch-Tierbeziehung geben. Seien Sie gespannt!  

Hier geht es zur Original-Publikation: Gerrit Stephan, Joachim Leidhold, Kurt Hammerschmidt: Pet dogs home alone: A video-based study (Applied Animal Behavior Science, Vol. 244, November 2021)

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