‚Balljunkie‘ – können Hunde süchtig werden?

Balljunkie Retriever
‚Balljunkie‘ – echtes Suchtverhalten beim Hund? ©Katrin B./Pixabay

Balljunkie. Der Begriff beschreibt umgangssprachlich mehr oder weniger scherzhaft das innige „Verhältnis“ zwischen Hund und Ballspiel. Jeder hat wohl zum Begriff „Balljunkie“ ein Bild im Kopf. Wissenschaftlich untersucht wurde dieses Phänomen bisher allerdings nicht, und auch in der Populärliteratur wird es nur spärlich erwähnt. Unter der Leitung unserer Autorin, der Verhaltenbiologin PD Dr. Stefanie Riemer, finanziert der Schweizer Nationalfonds eine erste Untersuchung dazu.

Der Begriff „Junkie“ impliziert Suchtverhalten. In der Humanforschung wird Sucht unter anderem definiert als „eine augenscheinlich vergnügliche Aktivität, welche wiederholt negative Konsequenzen hat, weil eine Person unfreiwillig und unbeabsichtigt die Fähigkeit verliert, die Aktivität zu regulieren und dauerhaft den Drang verspürt, die Aktivität auszuführen“ (Johnson 1993).

Mechthild Käufer beschreibt Ball- oder Reizangeljunkies im Buch „ … und weg ist er! Jagdverhalten und mögliche Alternativen“ wie folgt:

„Die Hunde befinden sich in einer sehr hohen Erregungslage. In Erwartung ihres Lieblingsspielzeugs können sie trippeln, aufgeregt auf- und abspringen oder sogar voller Erwartungshaltung zittern. Manche bellen, winseln oder jaulen kontinuerlich, während sie warten müssen. Anders als Hunde, die “nur” spielen, können sogenannte “Junkies” nicht leicht von ihrer Fixierung auf das Objekt der Begierde abgelenkt werden. Dies kann so weit gehen, dass sie das Interesse an anderen Reizen oder sozialen Interaktionen verlieren.“

Balljunkie Jack Russell Terrier
Nicht jeder Hund, auch nicht jeder Terrier, der gerne Ball spielt ist deswegen gleich süchtig©Zachtleven fotografie/Pixabay

Spaß am Spiel ist nicht gleich Sucht

Zusätzlich manifestieren sich Süchte im medizinischen Sinn aber vor allem, wenn das Objekt der Begierde nicht verfügbar ist oder wenn es nicht möglich ist, das Zielverhalten auszuführen. Dann kommt es zu unbändigem Verlangen (englisch: „craving“) – der Betroffene kann an nichts Anderes mehr denken. Entzugssymptome können auftreten, und selbst wenn Menschen sich fest vorgenommen haben, nie wieder in die Suchtfalle zu tappen, sind Rückfälle nur allzu häufig. Außerdem ist eine Sucht dadurch charakterisiert, dass das Suchtverhalten in Konflikt mit Aktivitäten des täglichen Lebens gerät. 

Beispiel: ein Jugendlicher, der in den Ferien nächtelang Computerspiele spielt, ist nicht unbedingt süchtig, sondern hat eine Tätigkeit gefunden, die ihm sehr viel Spaß macht. Wenn er es aber aufgrund der Spiele nicht mehr schafft, rechtzeitig zur Schule zu gehen, vergisst zu essen, und bei der Geburtstagsparty seiner Freundin unruhig wird, weil er nicht an seinen Computer zurück kann, sind das Hinweise, dass eine Verhaltenssucht vorliegen kann.

„Balljunkie“ – eine Verhaltenssucht?

Auch in der Humanforschung sind Verhaltenssüchte im Vergleich zu Süchten nach Substanzen noch ein relativ unerschlossenes Feld. Auf der Ebene des Gehirns passiert bei beiden weitgehend dasselbe. Für die Verarbeitung von natürlichen Belohnungen und Tätigkeiten, die sich gut anfühlen (wie Essen oder Sex) wie für abhängig machende Substanzen ist überwiegend dasselbe Netzwerk von Gehirnregionen zuständig. 

Balljunkie zerfetzte baelle ©stefanie riemer
Kaputtgespielt bis zur Unkenntlichkeit. Zerreißen gehört wie die Lust am Verfolgen zum normalen Jagdverhalten eines Hundes ©Stefanie Riemer/Alja Mazzini

Ebenso werden konditionierte Reize, die Belohnungen vorhersagen, in diesen Gehirnregionen verarbeitet. Konditioniert bedeutet: erlernt. Ein konditionierter Reiz ist einer, bei dem gelernt wurde, dass ein an sich unbedeutender Reiz (zum Beispiel ein Clicker) einen anderen vorhersagt (zum Beispiel Futter). Süchte haben ihren Ursprung also eigentlich darin, dass sich der Konsum oder das Ausführen einer Tätigkeit richtig gut anfühlt. Bei Menschen können beispielsweise Sport, Shoppen, Computerspiele oder Glücksspiel zu Verhaltenssüchten führen. 

Sind Balljunkies süchtig? Studie zum Thema 

Echap wirft den Ball in den Schoß seiner Halterin Rebekka. Er ist an diesem Tag im Dienst der Wissenschaft unterwegs am Campus der Vetsuisse Fakultät, Universität Bern, wo eine erste Studie zum Thema „Balljunkie“ unter der Leitung von PD Dr. Stefanie Riemer stattfindet. Als Rebekka nicht reagiert, den Ball einfach wieder auf den Boden legt, ohne mit dem jungen Rüden zu spielen, probiert Echap es stattdessen bei der Testleiterin, Alja Mazzini, die ca. 2 m von Rebekka entfernt sitzt. Wird sie sein Bitten erhören und ihm seinen Ball werfen?

Sein Besuch dient der Teilnahme an der Studie zur Frage, ob die umgangssprachlich „Balljunkies“ genannten Hunde tatsächlich so etwas wie Suchtverhalten an den Tag legen. Kernfrage unseres Forschungsprojektes ist, ob man zwischen exzessiver Motivation für Spielzeug bei Hunden und Verhaltenssüchten bei Menschen Parallelen ziehen kann, und ob diese mit ähnlichen kognitiven Eigenschaften zusammenhängen.

Echap, der 3-jährige Border Collie der Veterinärmedizinstudentin Rebekka, ist ein Hund, der voller Optimismus in den Tag geht. Ein Highlight ist dabei das Spiel mit Bällen oder anderen Spielzeugen. Er und 106 andere verspielte Hunde wurden von uns zum Spielmotivationstest eingeladen, darunter solche, welche von ihren Besitzern als „Junkies“ eingeschätzt werden und andere, die gegenüber Spielsachen oder Beute keine überzogene Motivation an den Tag legen. 

Border Collie Echap ist eindeutig hochmotiviert, mit seinem Ball zu spielen, doch er zeigt keine Anzeichen von Suchtverhalten. Er lässt sich gut motivieren, für Futter zu arbeiten, spielt auch ohne Spielzeug im Sozialspiel mit Rebekka, obwohl das Spielzeug sichtbar auf dem Regal liegt, und bleibt jederzeit kontrolliert. 

Balljunkie: Border Collie
Spielfreudige Collies werden nicht überproportional häufig zum Balljunkie © Katrin B./Pixabay

Anziehungskraft konditionierter Reize

Die Evolution hat dafür gesorgt, dass wir lernen, Reizen, die Belohnungen vorhersagen, eine besonders große Bedeutung beimessen. Manche Individuen haben aber eine stärkere Tendenz als andere, sich nicht nur von der Belohnung selbst, sondern von derartigen konditionierten Reizen besonders stark angezogen zu fühlen – und diese Individuen sind anfälliger für Suchtentwicklung. 

Überträgt man diese Erkenntnisse auf Hunde, lässt sich nachvollziehen, weshalb es oft gerade Bälle sind, die am häufigsten suchtähnliches Verhalten bei Hunden auslösen: Der Ball ist ein Objekt, das per se noch keine Bedeutung hat. Doch er fliegt, oft weit, und ermöglicht dem Hund zu hetzen, zu fangen, zu packen und gegebenenfalls zu zerreißen – Sequenzen aus dem natürlichen Jagdverhalten, welche für viele Hunde stark belohnend sind.

In Folge wird dem Ball durch diese klassische Konditionierung eine immer höhere Wertigkeit zugewiesen. Er wird zum sogenannten „Motivationsmagnet“. Nicht selten wird der Ball so wichtig, dass es dem Hund schwerfällt, ihn wieder abzugeben, und nicht selten kommt es sogar zu Verteidigungsverhalten. Tauschen gegen Futter? Nein danke! Mit der Wertigkeit des Balls kann Futter häufig nicht mithalten. 

Bewegte Bälle appellieren an das Jagdverhalten

Für manche Hunde ist es vor allem die Bewegung des Balls, welche attraktiv ist. In Folge versuchen sie unermüdlich, einen Menschen dazu zu animieren, ihren Ball zu werfen. Gerade bei Hütehunden kann man nicht selten „Hüteverhalten“ beobachten. Der Ball wird intensiv angestarrt, umkreist, gegebenenfalls kurz gepackt und wieder abgelegt. Für manche Hunde ist das Zergeln das Größte, wieder andere genießen das Zerreißen der „Beute“ besonders.

Alle diese Vorlieben gehören zu normalem Hundeverhalten und sind noch kein Hinweis auf suchtähnliches Verhalten. Wenn der Hund sich aber nicht mehr für die Außenwelt oder soziale Kontakte interessiert, beim Spielen keinen Schmerz mehr zu empfinden scheint und offenbar an nichts anderes mehr denken kann, selbst wenn der Ball längst in der Tasche des Besitzers oder im Schrank versperrt ist, könnte es sein, dass gewisse Kriterien für eine Verhaltenssucht erfüllt sind.

Balljunkie Jack Russell Terrier
Terrier neigen überproportional häufig zur übersteigerten Fixierung auf das Ballspiel©Lutz Holzapfel/Pixabay

Nice to know: Salienz

In der Psychologie wird ein Reiz – zum Beispiel ein Geräusch oder ein Objekt –  als salient bezeichnet, wenn er unabhängig von seiner tatsächlichen Relevanz eine besondere Bedeutung bekommt und dadurch besondere Aufmerksamkeit erhält. Je salienter ein Reiz ist, desto mehr Aufmerksamkeit erregt er.

Kriterien für Verhaltenssüchte

In unserer Studie an der Uni Bern konnten wir folgende Suchtkriterien auf Hundeverhalten übertragen:

  • Salienz – dem Ball wird eine extrem hohe Bedeutung beigemessen
  • Craving – unbändiges Verlangen nach dem begehrten Spielzeug, selbst wenn klar signalisiert ist, dass dieses nicht zur Verfügung steht
  • Verlust der Selbstkontrolle – der Hund kann in Anwesenheit des Balles nicht mehr an sich halten; wird dies z.B. durch die Leine verhindert, springt er in die Leine und zeigt oft starkes Frustrationsverhalten
  • Stimmungsänderung, wenn Zugang zum Ball gewährt wird.

Die nachfolgenden Suchtkriterien aus der Humanforschung konnten hingegen im Rahmen des Verhaltenstests nicht gemessen werden – sie entwickeln sich mit der Zeit. Und Zugang zum Suchtobjekt ist bei Hunden natürlich stark unter menschlicher Kontrolle:

  • die Entwicklung von Toleranz (der Süchtige benötigt mehr und mehr von der Substanz bzw. muss das Suchtverhalten immer exzessiver zeigen, um den gewünschten Effekt zu erzielen).
  • Rückfall – selbst wenn die betroffene Person es geschafft hat, eine Weile auf das süchtig-machende Verhalten zu verzichten, hält sie es irgendwann nicht mehr aus und beginnt wieder damit
  • Entzugssymptome wenn die Substanz nicht konsumiert oder. das süchtig machende Verhalten nicht ausgeführt werden kann.
Balljunkie Scotch Terrier
Extrem ballverliebte Hunde können ihre Aufmerksamkeit oft nicht vom Ball lassen ©Stefanie Riemer

Entwicklung einer Sucht

Eine Verhaltenssucht beginnt immer damit, dass sich die Ausübung des Zielverhaltens gut anfühlt. Es wirkt belohnend und macht Spaß, darum: Mehr davon. Hundehalter freuen sich am „Powergame“ ihres Hundes und bedienen es gerne. Nichts ist einfacher, als einen Ball zu werfen. Hier liegt das süchtig machende Potenzial, denn irgendwann kippt es, und Ballspielen kann für einen Hund, der die Veranlagung dazu hat, zwanghaft werden. Impulskontrolle ist nicht mehr gegeben.

Während zu Beginn der Suchtentwicklung das Verhalten also eigentlich positiv verstärkt wird (Verstärker ist der Genuss beim Ausführen des Verhaltens), wird es in späteren Phasen der Sucht gezeigt, um einem unangenehmen Gefühl zu entgehen – das Ausführen des Suchtverhaltens dient nunmehr vor allem der negativen Verstärkung. Es kann sein, dass die Personen das Verhalten zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr richtig genießen. Sie fühlen sich zur Vermeidung negativer Emotionen vielmehr dazu gezwungen.

Trifft das auf Hunde zu? Wir wissen es ehrlich gesagt noch nicht. Die Studie an der HundeUni Bern diente dazu, erstmals zu untersuchen, ob sogenannte Balljunkies die Kriterien erfüllen könnten, mit welchen eine Verhaltenssucht definiert wird. Dies konnte bestätigt werden. Inwiefern das Verhalten zwanghaft wird, muss aber noch weiter untersucht werden.

Nice to know: Verstärker

Verstärker belohnen Verhalten, damit es häufiger gezeigt wird. Positive Verstärkung bedeutet: Sobald der Hund erwünschtes Verhalten ausführt, wird er dafür belohnt. Negative Verstärkung bedeutet nicht etwa, dass etwas Unerwünschtes belohnt, also verstärkt wird. Es bedeutet, dass etwas Negatives wegfällt, sobald der Hund erwünschtes Verhalten zeigt. Beispiel: Der angsteinflößende Nachbar entfernt sich, sobald der Hund nicht mehr bellt.

Suchtähnliches Verhalten bei Hunden

Anders als Echap wird 34 anderen an der Studie beteiligten Hunden eine hohe Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten bescheinigt. Sie sind möglicherweise echte Balljunkies: 

  • Diese Hunde konnten teilweise ihre Aufmerksamkeit nicht vom (unerreichbaren) Ball lassen, selbst wenn ihre Bezugsperson sie zur sozialen Interaktion motivierten. 
  • Sie versuchten minutenlang, in eine verschlossene Box einzudringen, in welcher ihr Spielzeug eingeschlossen wurde, während sie das frei verfügbare Futter im Futterpuzzle komplett ignorierten (der eine oder andere Hund schaffte es tatsächlich, die Box auch zu zerstören). 
  • Wenn ihre Bezugsperson den Raum verließ, schien sie das kaum zu interessieren, solange sie Zugang zu ihrem Spielzeug hatten. 
  • Ein Verlust von Selbstkontrolle zeigte sich beispielsweise durch Springen nach dem Spielzeug, das die Studienleiterin in der Hand hielt, oder durch in die Leine Springen, während die Spielzeuge ausgelegt wurden. 
  • Lag das Spielzeug auf dem Regal, liefen sie minutenlang auf und ab, den Blick unentwegt zum Objekt der Begierde, stellten sich unterhalb des Regals an der Wand auf oder bellten. 
  • Nicht wenigen von ihnen fiel es sehr schwer, ihr Spielzeug wieder abzugeben. 
Nicht alle Hütehunde haben ein normales Risiko, zum Balljunkie zu werden
Meist ist die Lust am Ballspiel nicht mit Sucht gleichzusetzen, echte Balljunkies sollten allerdings lieber anders beschäftigt werden © Katrin B./Pixabay

Eingeschränktes Wohlbefinden bei Balljunkies

Manche der Hunde konnten sich auch in den 15 Minuten „Cool-Down-Periode“ nicht beruhigen, obwohl zuvor alle Spielzeuge aus dem Raum entfernt worden waren, Halterin und Testerin neutral auf ihren Stühlen saßen. Sie liefen auf und ab, blickten zur Tür, durch die die Spielzeuge verschwunden waren, oder auf das Regal, in dem der Ball zuletzt gelegen hatte. Diese Hunde hatten auch nach 15 Minuten im Vergleich zu Artgenossen ohne Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten eine deutlich erhöhte Herzrate. 

Die erhöhte Herzfrequenz ist ein Hinweis darauf, dass suchtähnliches Verhalten mit Einschränkungen des Wohlergehens der betroffenen Hunde einhergeht. Wer auch im Alltag kaum zur Ruhe kommt oder wiederkehrend extreme Frustration erleidet, der fühlt sich natürlich nicht wohl. 

Die gute Nachricht: Derartige Extreme sind selten. Obwohl für den Zweck der Studie gezielt nach sogenannten „Junkies“ gesucht wurde, wurden nach der Videoauswertung weniger als ein Drittel der teilnehmenden Vierbeiner in die Kategorie „hohe Tendenz für suchtähnliches Verhalten“ eingestuft. Viele Hunde sind sehr spielmotiviert, haben vielleicht auch wenig Selbstkontrolle, doch sie zeigen keine extremen Anzeichen, wenn das Objekt der Begierde nicht verfügbar ist.

Balljunkie Malinois
Schäferhunde wie Malinois werden eher zu Balljunkies ©Katrin B./Pixabay

Schäferhunde und Terrier werden eher zu Balljunkies

Zwischen den Rassegruppen gab es starke Unterschiede in der Tendenz zum „Balljunkie“: am häufigsten erreichten Schäferhunde (insbesondere Malinois) und Terrier eine hohe Punktzahl (wissenschaftlich als Scores bezeichnet)  für suchtähnliches Verhalten. Anders als erwartet, war der Anteil der Balljunkies bei Hütehunden wie Border Collie und Australian Shepherd nicht überrepräsentiert. Obwohl viele Mitglieder dieser Rassegruppe äußerst spielmotiviert sind, verlieren sie meist weniger die Selbstkontrolle als ihre Verwandten von den Gebrauchshunden. 

Auch Retriever und die als „andere“ Rassen zusammengefassten Rassen zeigten keine starke Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten. Dennoch gab es Vertreter aller untersuchten Rassegruppen unter den Hunden, welchen eine hohe Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten bescheinigt wurde.  

Balljunkie Rasseverteilung
Von den 107 Hunden, die aufgrund ihres Verhaltens für die Studie ausgewählt wurden, zeigten vor allem Schäferhunde und Terrier ein mögliches Suchtpotenzial (Spalte 2: Anzahl der Hunde mit hoher Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten) ©Riemer/Mazzini

Einfluss von Genetik und Umwelt

Damit ein Hund zum „Junkie“ wird, spielt mit Sicherheit die genetische Veranlagung eine große Rolle. Gerade Belgische Schäferhunde werden häufig stark darauf selektiert, besonders spielzeug- oder beutemotiviert zu sein. Zusätzlich hängt viel davon ab, ob diese Passion noch gezielt gefördert wird oder ob bei dem Hund schon in jungem Alter Wert darauf gelegt wird, dass er in Bezug auf Spielzeug die Selbstkontrolle behält. 

Wie wir vorhergesagt hatten, gab es einen starken Zusammenhang zwischen Impulsivität im Alltag und der Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten in der Studie. Dafür wiesen Hunde mit hohen Werten für suchtähnliches Verhalten im Durchschnitt eine bessere Trainierbarkeit auf, die anhand von Besitzerfragebogen ermittelt wurde.

Tatsächlich haben Hunde mit Tendenz zum „Balljunkie“ sehr viele wünschenswerte Eigenschaften: sie sind typischerweise leicht zu motivieren, sehr reaktionsschnell und bleiben hartnäckig an einer Aufgabe, wenn sie wissen, dass sie am Ende ihre Lieblingsbelohnung erhalten – gute Voraussetzungen für Arbeitshunde und im Hundesport. 

Eine Selektion auf derart positive Eigenschaften kann manchmal dazu führen, dass der Hund ein „Zuviel des Guten“ mitbringt und die Motivation für die Spielzeugbelohnung exzessiv wird. Es liegt dann an der Bezugsperson, die Tendenzen ihres Hundes zu erkennen und in die richtigen Bahnen zu lenken.

Balljunkie Terrier
Wenn Hunde nicht mehr ablassen können, ist auf die Dauer ihr Wohlbefinden beeinträchtigt ©Pexels/Pixabay

Fazit

Die erste Studie zu „Balljunkies“ bei Hunden konnte gewisse Parallelen zwischen dem Verhalten von Hunden mit exzessiver Spielzeugmotivation und Suchtkriterien bei Menschen finden. Zudem gab es einen Zusammenhang zwischen Impulsivität und Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten.

Diese ersten Ergebnisse müssen dennoch vorsichtig interpretiert werden – eine klare Grenze zwischen Normalverhalten und exzessiver Spielzeugmotivation lässt sich nicht ziehen. Im Einzelfall sollte immer beurteilt werden, ob das Wohlergehen des Hundes beeinträchtigt ist oder ob er sich oder seine Umwelt in Gefahr bringen könnte. 

In manchen Fällen kann es tatsächlich sinnvoll sein, einen „Entzug“ zu machen und Bälle künftig aus dem Leben zu verbannen. Dazu sollte unbedingt die professionelle Unterstützung eines Hundeverhaltensberaters, eines Hundeverhaltensmediziners oder eines Hundetrainers Anspruch genommen werden. Mit Maß, Ziel und unter Berücksichtigung der körperlichen Gesundheit eingesetzt, kann das Spielzeug dennoch für viele Hunde ein passendes Motivationsobjekt sein und beispielsweise Kooperation auch unter schwierigen Bedingungen (z.B. Abruf vom Wild etc.) ermöglichen.

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Dr. Stefanie Riemer

PD Dr. Stefanie Riemer von «HundeUni – Wissenschaft trifft Praxis» ist Verhaltensbiologin und Privatdozentin im Fachbereich Ethologie und Tierschutz. Sie hat sich seit 2010 auf Hundeverhalten spezialisiert und leitete nach Aufenthalten in Wien und Lincoln (UK) sechs Jahre lang die HundeUni Bern an der Vetsuisse Fakultät, Universität Bern. Wissenschaft und Praxis miteinander zu verbinden ist ihr ein großes Anliegen. Sie bietet Verhaltensberatung an (Wien-Umgebung oder online), ist international als Seminarreferentin tätig und liefert über ihre Facebook-Seite wissenschaftliche Updates für Hundeinteressierte. Ein eigenes Fortbildungsangebot ist im Aufbau. Ihre Schwerpunkte liegen auf Persönlichkeit bei Hunden, Emotionen bei Hunden, Geräuschangst, Tierarztangst, sogenannten «Balljunkies» und Welpenförderung vom Züchter bis zur neuen Familie.

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