Silvester! Angst und Furcht beim Hund – der feine Unterschied

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Silvester! Angst und Furcht beim Hund – der feine Unterschied – jwvein – Pixabay

Oftmals fällt uns Menschen bereits viele Wochen vor Silvester auf, dass unsere Hunde ängstlicher reagieren, als sie es in den Monaten zuvorgetan haben. Unabhängig von der Knallerei wird Angstverhalten gezeigt, welches auch Auslöser wie beispielsweise den Weihnachtsbaum oder Sektflaschen miteinschließen. Der bevorstehende Jahreswechsel führt also dazu, dass sich eine hohe Anzahl an Tierhalter*innen mit dem Thema „Angst“ beschäftigt oder gar unfreiwillig damit konfrontiert wird.

Wir möchten Ihnen erläutern, wie Angst auf das Gehirn wirkt, inwiefern es in Bezug mit dem Lernverhalten steht und welche Konsequenzen sich hieraus ergeben. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls die thematische Auseinandersetzung mit dem Thema Stress notwendig – eine Konsequenz, die der Jahreswechsel für viele Tiere mit sich bringt. Doch was ist Stress eigentlich genau? Ist jede Form von Stress schädlich und woran kann ich ein gestresstes Tier erkennen?

Angst und Furcht: ein kleiner Unterschied?

Lassen Sie uns den Einstieg damit beginnen, dass wir uns mit den Begrifflichkeiten beschäftigen, die umgangssprachlich häufig nicht differenziert genug betrachtet werden. Um zu verstehen, wie wir unseren Tieren helfen können, bedarf es einer grundlegenden Auseinandersetzung mit den verschiedenen Definitionen, die sehr häufig übergreifend und pauschal verwendet werden: Was definiert die Bezeichnungen Angst und Furcht? Worin unterscheiden sich diese?

Vorweg muss gesagt werden, dass die folgenden Termini aus dem Humanbereich stammen und es für Hunde keine Klassifikationsrichtlinien für die Diagnostik gibt.

Was definiert den Begriff Angst?

Der Begriff Angst wird häufig umgangssprachlich genutzt und beschreibt eine Zustandsform (vgl. Feddersen-Petersen 2013, S. 85). Wir benötigen Angst, um in der Natur zu überleben. Sie ist individuell und wird je nach Persönlichkeit unterschiedlich stark empfunden (vgl. Specht 2015, S. 8).

Problematisch gestaltet es sich allerdings, wenn sie den Alltag bestimmt und die Lebensqualität in einem hohen Maße beeinflusst: Denn dann kann Angst krank machen (vgl. Specht 2015, S. 8).

Wie andere Emotionen auch, wird Angst über verschiedene Ausdruckskanäle signalisiert. Es bedarf jedoch einer gezielten Unterscheidung zwischen Angst und Furcht, die oftmals nicht erfolgt.

Wenn wir von Angst sprechen, so ist diese nicht zielgerichtet. Das Objekt, welches dem Lebewesen Unbehagen bereitet, ist nicht bewusst. Außerdem kommt bei Angst hinzu, dass für das Lebewesen keinerlei Möglichkeit besteht, die Gefahr abzuwenden. Angst kann also nicht durch ein Verhaltensrepertoire beseitigt werden (vgl. Feddersen-Petersen, 2013, S. 85). Angst heißt somit, dass das Lebewesen nicht weiß, was als nächstes passiert, jedoch fühlt, dass das, was kommt, nicht als angenehm empfunden werden wird (vgl. Emmrich, Seminarzitat). Angst ist also das Gefühl, welches sich auf etwas bezieht, was passieren könnte. Es ist eine emotionale Empfindung, die ebenfalls mit den Begriffen „nervös“ oder „besorgt“ beschrieben werden kann und ist häufig ein Resultat „unschöner“ Erfahrungen (vgl. Wilde 2008, S. 24-25).

Oftmals kann also kein direkter Auslöser festgestellt werden, dennoch empfindet das Lebewesen Angst und es gibt physiologische Auswirkungen auf seinen Körper, wie z.B. eine erhöhte Herzfrequenz, Zittern oder eine gesteigerte Harn- und Stuhlfrequenz (vgl. Feddersen-Petersen, 2013, S. 85).

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Die Geräusche und visuellen Reize zu Silvester lösen bei vielen Hunden Angst aus. (© Comofoto – stock.adobe.com)

Das Konkrete unterscheidet Furcht von Angst

Im Vergleich zur Angst, die wie beschrieben nicht konkretisiert werden kann, stellt Furcht eine zielgerichtete Reaktion auf ein greifbares Objekt dar und ruft Flucht – sowie andere Schutzverhaltensweisen hervor. Furcht ist überlebensnotwendig und kann sich gegen Geräusche, Objekte, Personen oder Situationen richten, die dem Lebewesen Gefahr vermitteln. Eine Situation kann auch lediglich an eine Gefahr erinnern und wird dementsprechend verknüpft, was dann zu der Emotionsauslösung “Furcht” führt (vgl. Feddersen-Petersen, 2013, S. 85). Im Gegensatz zur Angst weiß der Hund bei der Furcht, was als nächstes kommt. Sie bleibt auf ein konkret benennbares Ziel gerichtet, während sich Angst ausdehnt (vgl. Emmrich 2019) und somit auch auf andere Bereiche übergreifen kann.

Die Phobie
Die Phobie kennzeichnet eine irrationale Angstreaktion gegenüber Objekten, Situationen oder Aktivitäten, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung steht. Das Lebewesen ist nicht mehr im Stande, einen klaren Gedanken zu fassen. Das führt dazu, dass es aus der Situation zu fliehen bzw. diese zu vermeiden versucht (vgl. Wilde 2008, S. 24-25).

Um den Vergleich von Angst und Furcht aus menschlicher Perspektive zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie gehen nachts im Dunkeln alleine spazieren. Vermutlich werden Sie das Gefühl kennen, dass Sie Besorgnis verspüren, es jedoch nicht genau beschreiben können, weil kein Objekt gegenwärtig ist, auf welches Sie diese emotionale Empfindung projizieren können. Vermutlich werden Sie sich häufiger umschauen – vielleicht kennen Sie dieses Verhalten auch bei Ihrem Hund? Genau, es ist die Angst davor, dass etwas passieren könnte. Fachlich betrachtet, würde es sich hierbei um den Begriff Angst handeln. Gehen Sie die gleiche Strecke, ob im Dunkeln oder am hellen Tage und es kommt Ihnen ein maskierter Mensch entgegen, so werden sie sich zielgerichtet vor dieser Person fürchten.

Bei dem Betrachten beider Definitionen handelt es sich bei der Reaktion unserer Tiere an Silvester also um Angstverhalten. Denn Angst ist – wie oben ausführlich erläutert – unter anderem dadurch definiert, dass dem Lebewesen nicht bewusst ist, was als nächstes passiert. Der Hund kann nicht vorhersagen, ob ein Kanonenschlag, eine Rakete oder ein anderweitiges Element der Pyrotechnik folgt. Ebenfalls erfolgt häufig eine Generalisierung des Angstverhaltens, sie schreitet wellenartig voran und es kommt zum Erlernen von Vor- sowie Nachboten für das bevorstehende Ereignis (vgl. Emmrich 2019).

Um die Lesbarkeit im weiteren Verlauf zu vereinfachen, erfolgt keine gezielte Differenzierung zwischen den Begriffen Angst und Furcht. Der Begriff „Angst“ wird synonym für beide Begriffe verwendet. Es ist jedoch unabdingbar, sich des Unterschiedes bewusst zu sein, da dieser ausschlaggebend für weitere Therapie- und Trainingsmaßnahmen ist.

Lernmodelle und die Konditionierung von Ängsten

Wie im Vorfeld bereits angedeutet, kommt den sogenannten Lernmodellen bei der Entstehung von Angst eine entscheidende Bedeutung zu. Reize, die als gefährlich eingestuft werden, können eine Sensibilisierung verursachen, insbesondere wenn diese im Rahmen einer Stresssituation wahrgenommen werden. Die gesteigerte Erregungslage des Tieres führt dazu, dass die Lernfähigkeit des Lebewesens eingeschränkt ist (vgl. del Amo, Theby 2014, S. 134).

In der Angstforschung wird zwischen konditionierten und unkonditionierten Angstauslösern differenziert. Nicht-erlernte, also unkonditionierte Angstauslöser, sind Reize, die von Natur aus als bedrohlich bewertet werden, da sie das Überleben in der evolutionären Geschichte gesichert haben. Hierunter fällt der Geruch von Feuer, starke visuelle Reize, laute Geräusche, Schmerz, Höhe oder Gegenstände, die schnell, oftmals auch von oben herab, auf das Tier einwirken.

Im Gegensatz zu den unkonditionierten Angstauslösern werden die konditionierten Auslöser erlernt. Ein Reiz, der zuvor keine Bedeutung für das Lebewesen dargestellt hat, wird mit der Emotion Angst verknüpft. Erlernte Ängste unterliegen also den Lernmodellen. Angst wird insbesondere mit Geräuschen und Gerüchen verknüpft (vgl. Specht 2015, S. 11-14).

Angst vor Silvester kann ungewollt konditioniert werden

John B. Watson, einer der Begründer des Behaviorismus, verdeutlichte durch sein Experiment „Little Albert“ die Konditionierung von Ängsten. Dem Kleinkind „Albert“ wurde eine Ratte präsentiert, mit der er spielen durfte und keinerlei unangenehme Emotionen mit diesem Vorgang verknüpfte. Im nächsten Schritt wurde, als Albert die Ratte wieder zum Spielen sah, hinter ihm, ohne dass er dieses sehen konnte, mit einem Hammer auf ein Stahlrohr geschlagen. Der Junge weinte aufgrund des lauten Geräusches. Wenige Wiederholungen reichten dafür aus, dass Albert bereits beim Anblick der Ratte anfing zu weinen, ohne dass auf das Stahlrohr geschlagen wurde. Im weiteren Verlauf kam es dazu, dass die Angstreaktion bereits bei einem dem Auslöser nur ähnlichen Reiz ausgelöst wurde. Es kam also zu einer Generalisierung der Angst (vgl. Plassmann / Prof. Dr. Schmitt).

Dies erklärt somit unter anderem, weshalb Hunde bereits vor Silvester ein ängstliches Verhalten zeigen können oder der Weihnachtsbaum zu einem Vorboten für Silvester werden kann. Zuvor hat dieser einen neutralen Reiz dargestellt, jedoch wird er in der Silvesternacht mit extremer Angst verknüpft und zu einem erlernten Vorboten. Im nächsten Jahr wird der Baum wie gewohnt aufgestellt und es erfolgt eine Angstreaktion des Lebewesens, da der Tannenbaum eine Ankündigung für unangenehme Gefühlsempfindungen darstellt. Er wird somit zu einem von vielen Auslösern für Angstverhalten, ohne dass Knallgeräusche vorhanden sind. Da Angst generalisiert wird, werden auch weitere Vorboten für Silvester an Geräusche, Handlungen oder Gerüche geknüpft werden.

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Auch Gerüche können Angst auslösen. (© Photo-SD – stock.adobe.com)

Entstehung von Silvesterangst beim Hund

Bei der Entstehung von Silvesterängsten kommt es oft zu Musterbildungen und die Hunde sind bereits Tage vorher gestresst (vgl. Emmrich 2019). Wenn wir uns bewusst machen, zu welchen Veränderungen es zum Beispiel optisch und olfaktorisch in der Vorweihnachtszeit – und damit der Vorbotenzeit für Silvester – kommt, wird deutlich, wie komplex das Thema der Silvesterangst wirklich ist und weshalb Hunde gerade in dieser Zeit eine erhöhte Stressaktivität zeigen können. Insbesondere für Hunde, die sich an einen bestimmten Tagesablauf adaptiert haben, stellt die (Vor-) Weihnachtszeit eine besondere Herausforderung dar, weil es zu Abweichungen von ihrem gewohnten Tagesablauf kommt. Der Geruch im Haus verändert sich durch Weihnachtsdüfte. Kohlenhydratreiche Nahrungsmittel stehen oftmals frei zugänglich auf den Tischen herum, oder aber das Verhalten der Menschen zeigt sich anders als bisher erlebt. Es herrscht eine stressigere Grundstimmung im Alltag, „fremde“ Menschen gehen an den Weihnachtstagen ein und aus und nun wird auch noch wenige Tage vor Weihnachten der Weihnachtsbaum aufgestellt, der einen durchaus wiedererkennbaren Geruch und Anblick mit sich bringt. Wenn wir bedenken, welche Gerüche wir mit Weihnachten verbinden, die eine sofortige Assoziation erzeugen, wird deutlich, dass Weihnachten durchaus Erinnerungen in den Gehirnen unserer Hunde wecken kann. Oftmals werden schon zu dieser Zeit vereinzelt Pyrotechnik gezündet, sodass der Hund auf seinem Spaziergang mit dem Geruch des Schwarzpulvers konfrontiert wird, welches eine Empfindung in ihm hervorruft.

Körperliche Reaktionen als Hinweise für Stress und Angst

Wenn wir Angst von außen betrachten, können wir verschiedene vegetative Reaktionen feststellen und auch Änderungen am Ausdrucksverhalten des Hundes beobachten (vgl. Specht 2015, S. 22). Es ist von besonderer Wichtigkeit, das Ausdrucksverhalten von Hunden beobachten und interpretieren zu können, da es in der Gesamtheit ein Bild über die Auskunft der Befindlichkeit des Tieres gibt. Hunde zeigen oftmals zu Beginn wenige und sehr subtile Zeichen. Die Beobachtungen reichen von einem Zucken der Lefzen bis hin zu der Anspannung einzelner Muskelpartien im Körper. Mit zunehmender Angst kommen weitere Elemente hinzu (vgl. Wilde 2008, S. 24-25). Stress- und Angstverhalten äußern sich in sehr ähnlicher Form, jedoch geht nicht jede Stresssituation mit Angst einher. (vgl O’Heare 2014, S. 31).

Angst und Unwohlsein können sich durch viele Anzeichen äußern. Wie sieht ein Hund aus, der in Angst versetzt ist? Was können wir beobachten?

  • Erhöhte Herzfrequenz
  • Vermehrte oder verringerte Speichelproduktion
  • Zittern
  • Hecheln
  • Erhöhter Muskeltonus
  • Schweißpfoten
  • Extremer Fellausfall
  • Weiße Schuppenbildung auf dem Fell
  • Pupillenerweiterung
  • Flach angelegte Ohren
  • Abgesenkte Rute (im weiteren Verlauf eine stark angelegte Rute, eingezogen bis unter den Bauch)
  • Kleine, länglich nach hinten gezogene Augen (mandelförmig)
  • Augen können jedoch auch weit aufgerissen sein, sodass das Weiße erkennbar ist
  • Hochgezogene Augenbrauen
  • Zurückgezogene oder aufgeplusterte Lefzen
  • Körperschwerpunkt wird auf die Hinterbeine verlagert
  • Runder/Krummer Rücken
  • Eingeknickte Gliedmaßen
  • Rückwärtsneigung
  • Vermehrte Deeskalationssignale
  • Stress kann die Angstentstehung beim Hund fördern

(vgl. Wilde 2008, S. 39-41, vgl. Specht, 2015, S. 22)

Stress beschreibt generell jede biologische oder psychische Anforderung, die auf ein Lebewesen einwirkt. Das heißt jedoch nicht, dass es sich hierbei um einen aversiven Reiz handeln muss, mit dem das Tier konfrontiert wird. Die Reaktion auf eine Anforderung bedeutet sowohl einen Kraft- als auch einen Energieaufwand für den Körper. Das Aktivieren dieser Ressourcen gehört also zum Erleben von Stress. Kann Stress bewältigt werden, handelt es sich um Eustress. Schädlich wird Stress dann, wenn dem Lebewesen keine Bewältigungsstrategien vorliegen und es zu einem Kontrollverlust sowie einer Überforderung kommt. Dieser Disstress wird als aversiv wahrgenommen und kann zu Flucht- oder anderem Abwehrverhalten führen. Stress muss also nicht immer ängstigen. Wenn man es ganz genau nimmt, sind alle Dinge im Leben auf irgendeine Art und Weise stressig. Die Frage ist jedoch, ob die Reize stimulieren oder aversiv auf das Tier einwirken und ob es Bewältigungsstrategien gefunden hat bzw. diese ihm beigebracht wurden. Liegen diese nicht vor, so kann das sehr negative Auswirkungen auf das Tier haben: Die Homöostase gerät aus dem Gleichgewicht und der Hund ist nicht mehr im Stande, die körperliche Belastung der Stresssituation zu kompensieren. Angstverhalten versetzt Hunde in eine extreme Stresssituation und führt zu einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn (vgl. O’Heare 2014, S. 47).

Neurotransmitter, denen beim Erleben von Stress eine bedeutsame Funktion zugeschrieben wird, sind unter anderem Adrenalin und Cortisol. Adrenalin versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Das führt dazu, dass das Herz schneller schlägt und die Durchblutung im gesamten Körper angeregt wird, um sich auf Abwehrreaktionen vorzubereiten. Außerdem erfolgt die Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin, was zur Folge hat, dass höhere Lern- und Denkprozesse eingeschränkt sind und frühere Lernerfahrungen schwerer abrufbar sind (vgl. O’Heare 2014, S. 32).

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Angstverhalten führt zu einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern. (© Spectral-Design – stock.adobe.com)

Das Notfallprogramm des Gehirns

Angst wird nicht primär im Gehirn erzeugt, sondern durch einen Reiz ausgelöst bzw. angestoßen, der von außen kommt. Sie entsteht, wenn etwas anders ist, als es erwartet wird. Untragbar wird die Situation für Lebewesen dann, wenn keine Möglichkeit besteht, die Bedrohung zu beeinflussen und die eigenen Strategien scheitern. Das führt dann zu einer Kaskade, die damit beginnt, dass die gefilterten Informationen zunächst vom Thalamus an die Amygdala (Mandelkern) weitergeleitet werden. Wird daraufhin eine Bedrohung wahrgenommen, kommt es zu einer Übererregung im Gehirn. Ist das Lebewesen nicht in der Lage, das Ungleichwicht der Erregung zu kompensieren, führt dies dazu, dass sich die Erregung im Gehirn weiter ausbreitet, insbesondere in tieferliegende Strukturen. Jetzt kommt es zu einer erhöhten Cortisolausschüttung der Nebennierenrinde. Cortisol ist unter anderem für die Bereitstellung von Energiereserven verantwortlich, sorgt jedoch auch für eine Schwächung des Immunsystems. Die Erregung im Gehirn führt dazu, dass Lebewesen keine „klugen“ Lösungen finden können und in alte Muster zurückfallen können. Bei Menschen sehen wir hier häufig kindliche Bewältigungsstrategien. Wenn diese nicht funktionieren, kommt es zur Innervierung des Hirnstamms und dem Einsatz der Notfallprogramme (Hüther, Interview), der sogenannten 5 „F’s“, die eingesetzt werden, um auf eine Bedrohung zu reagieren:

Fight:
Die Bedrohung soll durch Drohverhalten und gegebenenfalls Angriff beseitigt werden.

Flight:
Die Distanz zur Bedrohung wird durch Flucht vergrößert und die Konfrontation vermieden.

Freeze:
In unausweichlich wahrgenommenen Situationen erstarrt das Tier, ohne sich direkt mit der Bedrohung auseinanderzusetzen.

Flirt oder Fiddle about:
Mit Hilfe von sozialen Gesten soll die Bedrohung abgewendet werden. (Bublak 2013, S. 16).

Gutes Beobachten hilft, dem Hund bei Silvesterangst helfen zu können

Wir haben es also bei Silvesterangst nicht alleine mit der Angst vor dem Feuerwerk zu tun. Der Stresslevel vieler Hunde baut sich bereits Tage oder gar Wochen vor dem Jahreswechsel auf. Unzählige diffuse Vorboten können Anlass zur Beunruhigung geben. Es bedarf also einer guten Beobachtung und Kenntnisse über das Ausdrucksverhalten unserer Hunde (https://www.atn-ag.ch/tierpsychologie/tierpsychologie-ausbildung), um mögliche Angstauslöser zu erkennen. Denn nur dann kann die Befindlichkeit unserer Hunde nachhaltig geändert werden.

Wie Sie Ihrem Hund konkret helfen können, wenn er unter Silvesterangst leidet, lesen Sie in folgenden Artikeln:

Jahreswechsel mit Hund: Hilfe bei Sivesterstress
Silvester mit Hund: Tipps für kurzfristige Hilfe

Quellenverzeichnis

Literatur
del Amo, Celina & Theby, Viviane. (2014). Handbuch für Hundetrainer (2. überarb. und aktualisierte Aufl.). Stuttgart: Ulmer.
Dr. Feddersen-Petersen, Dorit-Urd. (2013). Hundepsychologie – Sozialverhalten und Wesen, Emotionen und Individualität (5. überarb. und aktualisierte Aufl.). Stuttgart: Kosmos.
O’Heare, James. (2014). Die Neuropsychologie des Hundes (3. überarb. und aktualisierte Aufl.). Bernau: animal learn Verlag.
Specht, Bettina. (2015). Angsthunde – Definition, Diagnostik, Management, Trainingsansätze (1. Aufl.). Bernau: animal learn Verlag.
Wilde, Nicole. (2014). Der ängstliche Hund – Stress, Unsicherheiten und Angst wirkungsvoll begegnen (5. überarb. und aktualisierte Aufl.). Nerdlen: Kynos Verlag.

Seminar
Emmrich, Dirk. „Aktuelle Verfahren der Verhaltenstherapie beim Hund“. 26. und 27.10.2019. Bissendorf.

Internet
Hüther, Gerald. Stress ist subjektiv. Verfügbar unter: https://www.gerald-huether.de/free/personalmagazin.pdf [31.10.2019].
Plassmann, Ansgar & Prof. Dr. Schmidt, Günter. Klassische Konditionierung nach Watson. http://www.lern-psychologie.de/behavior/watson.htm [31.10.2019].
Bublak, Angelika Bernadette. Ausdrucksverhalten von Hunden (Canis familiaris) gegenüber dem Menschen in einem Verhaltenstest und Beschwichtigungssignale in der Hund-Mensch-Kommunikation. Verfügbar unter: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/16177/1/Bublak_Angelika.pdf [31.10.2019].
Hüther, Gerald. Wie wird Angst im Gehirn erzeugt. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=0KO26530zSQ [31.10.2019].

autorin cinta hamacher

Cinta Hamacher

Cinta Hamacher ist durch die Tierärztekammer Niedersachsen zertifizierte Hundetrainerin und absolvierte u.a. das Studium der Erziehungswissenschaften und Soziologie. Sie ist mit ihrem Betrieb cintadogs im Osnabrücker-Land ansässig und arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Dozentin sowie Autorin für die ATN an einer Fachschule für Pflegeberufe. Gewaltfreies, wissenschaftsbasiertes Hundetraining, welches sich an den Lerntheorien, Bedürfnissen und Emotionen der Hunde orientiert, ist Grundlage ihrer Arbeit. Als Pädagogin, Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Fachweiterbildung konnte sie in verschiedenen Fachdisziplinen Berufserfahrungen sammeln. All diese Erfahrungen verbindet Sie mittlerweile in der Familienhund-Ausbildung, tiergestützten Arbeit sowie in der Ausbildung von Assistenzhunden durch Inklusion.

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