Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel

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Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel ©Pexels/Pixabay

Nacktkatzen, auch Sphynx (oder Sphinx) genannt, fehlt das Fell. Beim Menschen gilt glänzendes, dichtes Haar als begehrenswert. Über dünnes, schütteres Haar oder Glatze freut sich niemand. Ein glänzendes Fell bei Tieren zeigt uns, dass wir mit deren Ernährung richtig liegen und das Tier alle Nährstoffe bekommt, die es für seine Gesunderhaltung braucht. Aber die Natur hat einen genetischen Spielraum: Manchmal lässt sie Teile des Erbguts mutieren. Das Resultat sind Gendefekte, und ein solcher Gendefekt führt dazu, dass Nacktkatzen kaum oder kein Fell wächst. Auch keine Tasthaare. 

Ist Haarlosigkeit bei Katzen natürlich?

Sphynx-Katzen sammeln als „hässlichste Katze der Welt“ Klicks im Netz. Andere sehen in ihnen liebenswerte Schönheiten. Den Katzen könnte es soweit egal sein, wenn ihre Haarlosigkeit sie nicht in den Bereich der Qualzucht rücken würde. Aber die fehlenden Tasthaare (Vibrissen) an Maul, Beinen und Augen schränken Sphynx (auch Sphinx geschrieben) und andere Nacktkatzen in ihrem natürlichen Verhalten ein. Zu diesem Urteil kommen Gutachter und Gerichte. Aber warum eigentlich?

Züchter argumentieren gerne, dass die Nacktheit ihrer Katzen eine natürliche Mutation sei. So gesehen sind Mutationen immer natürlich, denn sie sind eine Möglichkeit der Natur, den vorhandenen Genpool einer Art nach dem Prinzip “Versuch und Irrtum” zu erweitern. Als Genpool wird die Gesamtheit aller genetischen Möglichkeiten einer Art bezeichnet. Gen-Mutationen fallen fast immer in die Kategorie Irrtum, führen zum Ausfall lebenswichtiger Funktionen und betroffene Tiere überleben selten. Sie sterben bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Sind sie überlebensfähig, ist ihre Vitalität fast immer mehr oder weniger stark beeinträchtigt.

Mutationen sind also tatsächlich eine Laune der Natur, ihre gezielte Züchtung ist deshalb noch lange nicht natürlich. Im Gegenteil: natürlich wäre ihr Verschwinden. Diese zufälligen Veränderungen von Genen, Chromosom-Abschnitten und Chromosomen sind erstaunlich selten, ihre Weitergabe an Folgegenerationen wegen des Überlebensnachteils noch seltener. Mutanten bekommen weniger Nachwuchs, an den sie die Genveränderung weitervererben. Dadurch verschwinden solche Veränderungen des Erbguts nach und nach wieder.  

In einer natürlichen Umgebung ist Haarlosigkeit ein solcher Überlebensnachteil: Betroffene Tiere sind sensorisch und kommunikatorisch beeinträchtigt, ihnen fehlt ein effektiver Klimaschutz und sie sind anfällig für Hautverletzungen und Sonnenbrand. Darum sieht man keine Nacktkatzen in freier Wildbahn, von raren Ausnahmen abgesehen. 

Nacktkatzen Haarlosigkeit als Zuchtziel Tasthaare am Kopf ©Loesche
Nacktkatzen fehlen meist intakte Tasthaare am Kopf und die Schutzhaare an den Ohren. ©Patricia Lösche

Genmutation als Rassemerkmal bei Nacktkatzen 

Indem Träger mutierter Gene gezielt miteinander verpaart werden, wird die Weitergabe an Nachkommen durch gezielte Defektzucht gefördert, nicht nur bei haarlosen Katzen. Im menschlichen Genom sind Erbschäden unerwünscht, weil sie auch dort meist mit gravierenden gesundheitlichen oder psychischen Folgen einhergehen, den Erbkrankheiten. Bei Tieren wurden viele Mutationen dagegen zu Rassemerkmalen erklärt, auch bei Katzen: Stark verkrümmte Beine (Munchkin), Schwanzlosigkeit (Manx), gefaltete Ohrtüten (Scottish Fold) oder Kurzköpfigkeit (Angora) zum Beispiel. Jedes dieser Merkmale ist mit mehr oder weniger starken Beeinträchtigungen verbunden. Auch übermäßig viel Fell oder eben die Haarlosigkeit, mit der wir uns hier beschäftigen. 

Nacktkatzenrassen  

RasseUrsprungAnmerkung
Canadian SphinxKanadaErste gezüchtete Nacktkatze. Entstehung in den 1960er Jahren aus Zufallsfunden, seit 1980 als Rasse anerkannt.
Don-SphynxRusslandEntdeckt 1987 (Zufallsfund), als Rasse in der WCF (1995) und TICA (2005) anerkannt.
Peterbold RusslandZucht nach Zufallsfund seit 1994, aus Orientalisch Kurzhaar/Siam x Don-Sphynx. Rasseanerkennungen: TICA (1997), WCF (2003) und SFF (1996)
Bambino-Katze USAGezielte Hybridisierung seit 2005, Sphynx x Munchkin, daher zusätzlich Kurzbeinigkeit, wird auch als Dwarf-Katze bezeichnet. Sind beide Eltern Träger des Gens für Kurzbeinigkeit, ist die Anpaarung letal: Die Welpen sind nicht lebensfähig. Keine anerkannte Rasse.
Kohana HawaiiZufallsfund. Zuchtbeginn 2002, ihr fehlen alle Haarfollikel, während sie bei den anderen Nacktkatzen angelegt, aber nicht oder nur sehr eingeschränkt funktionsfähig sind. Keine Rasseanerkennung.
Ukrainisch LevkoyRusslandScottish Fold x Don Sphynx, Hybridisierung seit 2004, keine anerkannte Rasse; die Rasse ist nicht zufällig entstanden, sondern wurde am Reißbrett designed.
Elfenkatze (Elf cat) USAAmerican Curl x Sphynx, Hybridisierung seit 2004, geplante Rasse, TICA akzeptiert.
SSF(Selectional Feline Federation/Russland); TICA(The International Cat Association/USA); WCF (World Cat Federation /Deutschland)
Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel Elfenkatze © iStock
Fleece statt Fell bei einer Elfenkatze. Diese Katzen haben nach hinten gebogene Ohren.
©Thomas Leirikh/iStock

Sphynx und Co – nicht immer von Geburt an nackt 

Nacktkatzen werden nicht immer nackt geboren. Manche haben anfangs ein schütteres oder sehr feines Fell. Manchmal bleibt der Haarwuchs im Erwachsenenalter erhalten, oder aber die Katzen verlieren es nach einer kurzen Zeit. Auch kleine Haarbüschel an Brust, Ohren oder Schwanz kommen bei der Sphynx-Katzen vor. Die Haarlosigkeit wird durch einen Gendefekt verursacht, der zur weitgehenden oder völligen Fehlfunktion der Haarwurzeln führt, so dass Haare nicht oder nur unvollständig gebildet werden können. Das betrifft auch die Tasthaare am Kopf und an den Beinen. Sie können deformiert, extrem verkürzt oder überhaupt nicht vorhanden sein. Lediglich von der Kohana wird gesagt, dass die Haarfollikel fehlen.

Tasthaare haben für Katzen aber eine sehr wichtige Bedeutung und werden deshalb auch als ergänzendes Sinnesorgan für die Nahorientierung gesehen.  In einer vertrauten Umgebung werden Katzen durch das Fehlen vermutlich kaum eingeschränkt. Aber in der vertrauten Umgebung kommen auch völlig blinde Katzen zurecht. John Bradshaw, Wissenschaftler und Fachbuchautor, wollte ganz genau wissen, wie Katzen sie einsetzen. Zusammen mit der BBC entstanden extreme Zeitlupenaufnahmen, die zeigen, welche Rolle Vibrissen im Leben einer Katze spielen. 

So nutzen Katzen ihre Tasthaare

Video von BBC Earth und John Bradshaw (englisch, deutsch untertitelt).

Zucht von Nacktkatzen – eine moderne Erfindung

Haarlosigkeit durch spontane Genmutation ist keine Neuigkeit an sich und tritt nicht nur bei Katzen auf. Als gewünschtes Zuchtmerkmal ist sie bei Katzen jedoch eine junge Erscheinung. Bis vor wenigen Jahrzehnten blieb die Hauskatze von schweren züchterischen Eingriffen in Körperbau und Aussehen weitgehend verschont. Ihr Job war vor allem der Mäusefang, für den sie optimal ausgestattet ist. Merkmale wie die Kurzköpfigkeit und das lange Fell der Perserkatzen oder die Schwanzlosigkeit von Manx-Katzen waren Ausnahmen von der Regel.  

Nacktkatzen wurden vereinzelt schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben und gezeigt. Erst seit den 1960er Jahren erfolgte ihre gezielte Zucht und 1980 wurde die erste Rasse als solche anerkannt (Canadian Sphynx).  Seit die Katze als Haustier immer beliebter wird, wächst die Zahl züchterischer Experimente.  Zeigt sich – zufällig oder gezielt herbeigeführt – eine überlebensfähige Mutante, gibt es auch jemanden, der daraus ein Rassemerkmal macht. Später finden sich dann Menschen, die am Ergebnis Gefallen finden und bereit sind, für den Exotenstatus viel Geld zu bezahlen. 

Seit einigen Jahren wird Nacktheit durch gezielte Kreuzungen (Hybridisierung) mit anderen Katzenrassen durch weitere Merkmale ergänzt. Sie machen diese Katzen immer weiter zu einer Art Fantasy-Geschöpf, mit übergroßen, gekräuselten oder gefalteten Ohren und kurzen Beinen, deren spitze, dreieckige Kopfform und teils extreme Hautfalten sie wie Gnome aus der Welt Harry Potters aussehen lassen. Kunstwesen, deren Haut sich anfühlt, wie die eines Babys, und die ebenso gepflegt und geschützt werden muss. Schutzlose Wesen, die gebadet und angezogen werden müssen. Ist es möglicherweise genau das, was Menschen zu ihnen hinzieht?

Nacktkatze mit Pulli
Nacktkatzen sind auf menschliche Fürsorge angewiesen. Gut zu erkennen: der leichte Haarflaum dieser Sphynx und fehlende Tasthaare. ©Kleinbegin/Pixabay

Die Katze ohne Fell ist eine Indoor-Spezies 

Für Nacktkatzen wird eine reine Wohnungshaltung bei warmen Temperaturen empfohlen. Als Freigänger wären sie tatsächlich stark gefährdet. Das von Katzen so geschätzte Sonnenbad verbrennt ihre Haut schneller. Herumstreifen im Unterholz kann sie viel leichter verletzen, und schon ein flüchtiger Tatzenhieb der befellten Nachbarskatze kann heftige Wunden hervorrufen, weil kein Fell die Wirkung der Krallen abfängt. Von Bissen ganz zu schweigen. 

Verständigungsprobleme

Eine Katze kommuniziert auch über ihr Fell. Wenn sie Nachbars Kater nicht leiden kann, sträubt es sich bei dessen Anblick. Damit vergrößert sie sich optisch für ihr Gegenüber, wirkt auf Artgenossen respekteinflößender. Der Kater versteht ihre Message: Achtung, Gefahr im Verzug, mit Angriff ist zu rechnen. Haarlosen Katzen wurde diese Form der Kommunikation mit Artgenossen genommen.  Unter vertrauten Wohngenossen wird das kaum auffallen. Man kennt sich.

Sind Sphynxe darum ideale Wohnungskatzen, denen wir guten Gewissens und zu ihrem Schutz den Freigang verweigern können? Haarlose Katzen wissen nicht, dass ihnen das Fell fehlt und sie deshalb draußen nicht gut aufgehoben sind. Artgemäßes Verhalten ist nicht mit dem Fell verschwunden, sondern auch bei ihnen angelegt. Wenn man sie ließe, würden sie umherstreifen und jagen gehen wollen, wie andere Katzen auch. Das ruhige Gewissen beruht also eher auf der Tatsache, dass ihre Zucht Bedingungen geschaffen hat, die eine Wohnungshaltung zwingend notwendig machen. Um ihre Sinne zu beschäftigen, müssen sie um so intensiver betreut werden.

Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel  Putzverhalten ©Lösche
Die Katzenzunge wird auf der ungeschützten Haut von Nacktkatzen beim Putzen zu Schmirgelpapier. ©Patricia Lösche

Für Sphynxe ist normales Putzverhalten vermutlich schmerzhaft 

Sorgfältige Fellpflege, Knabbern oder der Drang sich zu kratzen, wenn es juckt, gehören zum natürlichen Verhalten einer Katze. Wer schon einmal eine liebevoll putzende Katzenzunge auf seiner Haut zu spüren bekommen hat, der weiß: Es ist, als würde die Haut schmerzhaft mit Schmirgelpapier abgerieben. Dafür sorgen die kleinen Hornzähne auf der Zunge, mit denen Katzen beim Putzen ihr Fell „kämmen“. Wenn sie denn eines haben.  

Sphynxe traktieren mit ihrer Zunge die nackte Haut. Auch die ihrer Welpen. Katzenkinder werden von der Mutter normalerweise intensiv beleckt. Für kleine Nacktkatzen muss diese mütterliche Pflege unangenehm sein. Dabei sind sie auf diese liebevolle Zuwendung und Massage angewiesen. Ohne sie fehlt ihnen ein wesentliches Element der für ihre artgemäße Entwicklung wichtigen Fürsorgeleistung der Mutter. Der Mensch muss von Anfang an aushelfen. Das könnte die immer wieder beschworene besondere Anhänglichkeit der Sphinxe dem Menschen gegenüber erklären. In diesem Fall wäre sie als Resultat einer Fehlprägung auf den Menschen zu werten, verursacht durch die intensive Versorgungsleistung in der Welpenzeit. Ein Problem, das grundsätzlich bei Handaufzuchten auftreten kann, nicht nur bei Katzen.

Auch das Tragen der Welpen durch die Mutterkatze ist ohne Fell gefährlicher für die Kleinen, denn die Mutter kann sie nur an der Haut, nicht wie sonst üblich am Nackenfell packen. Selbst wenn noch ein wenig Fell vorhanden ist, so ist dieses doch so kurz und spärlich, dass es keinen Schutz vor Zähnen und Zunge bieten kann. Auch nicht vor eigenen Krallen, wenn’s juckt, denn die sind den Nacktkatzen geblieben. Katzenmütter, die ihren Welpen gegenüber artgemäß fürsorglich sind, laufen Gefahr, sie zu verletzen.  

Nacktkatzen haben einen hohen Pflegebedarf 

Anscheinend ist die eigene Körperpflege so unangenehm, dass Nacktkatzen das Putzen und Kratzen einschränken oder einstellen. Verständlich. Auf vielen der Videos, die es im Netz zahlreich gibt, ist bei genauem Hinsehen zu beobachten, wie die Katzen zum Putzen ansetzen und gleich wieder aufhören. Damit ist der Katze ein artgemäßes Verhalten durch das Fehlen von Fell nicht mehr möglich. Pflegen muss der Mensch. Die Krallen sind am besten wöchentlich zu kürzen, schon bei Welpen, denn auch sie können ihre Mutter oder sich gegenseitig im Spiel damit leicht verletzen.  

Die Ohren müssen regelmäßig gereinigt werden, weil ihnen die Schutzhaare fehlen. Die Katzen sollen mindestens alle zwei Wochen gewaschen oder gebadet werden, um den – an sich schützenden – Fettfilm zu entfernen, weil die „Haut sonst klebrig wird, schmutzig aussieht und es zu Hautproblemen kommen kann“, wie es in den Pflegehinweisen einer Züchterin heißt. Um vorzubeugen, solle außerdem die häusliche Umgebung besonders sauber gehalten werden. Insbesondere die Furchen zwischen den oft stark ausgeprägten Hautfalten, ein erwünschtes Kriterium, bieten Bakterien in der Tat beste Lebensbedingungen, ein Problem, das auch Faltenhunde kennen.  

Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel Hautprobleme Pixabay
Extremer Faltenwurf ist bei Sphinx und anderen haarlosen Katzen erwünscht, begünstigt aber Hautprobleme. ©mjlovesmm/Pixabay

Rassemix – weitere Probleme für Sphynx-Katzen 

Kommen zur Nacktheit noch gefaltete Ohren – das ist bei der Ukrainisch Levkoy der Fall – dann bekommen wir zwei Probleme zum Preis von einer Katze. Gefaltete Ohren entstehen durch eine Mutation, die im dominanten Erbgang vererbt wird. Mit im Boot: sämtliche Knorpelgewebe des Körpers, nicht nur das der Ohren. Dort wird es lediglich äußerlich sichtbar. Die dahinterstehende Erkrankung heißt Osteochondrodysplasie (OCD). Sie führt zu erheblichen Knorpelanomalien, auch in den Gelenken, und diese Tiere entwickeln dann sehr oft eine schwere, schmerzhafte Arthritis. Gefaltete Ohren sind also Symptom einer Erbkrankheit, entstanden durch Genmutation. Sie gehören gemäß Paragraph 11b des Tierschutzgesetzes zu den Qualzucht-Merkmalen und es besteht bei uns ein Zuchtverbot von Katzen mit Faltohren. 

Erbgänge

Die Haarlosigkeit und andere Gendefekte werden bei den Katzen durch unterschiedliche Erbgänge hervorgerufen. Beim dominanten Erbgang muss nur eines der Elterntiere das mutierte Gen tragen, damit sich ein Merkmal bei den Nachkommen der Eltern ausprägt bzw. eine durch das Gen verursachte Erkrankung weitergegeben wird. Beim rezessiven Erbgang müssen beide Elterntiere das mutierte Gen tragen, damit eine Eigenschaft weitervererbt wird. Trägt nur eines das mutierte Gen, ist den Nachkommen nicht anzumerken, ob sie das Gen tragen oder nicht. Sie wirken normal. Bei einem heterogenen Erbgang kommt die Ausprägung eines Merkmals durch verschiedene genetische Veränderungen zustande, es sind also mehrere Gene von der Mutation betroffen.

Skelettschäden durch Kurzbeinigkeit 

Oder nehmen wir den Exoten Bambini-Katze. Durch Paarung mit der „Dackelkatze“ Munchkin, die zwar Fell hat, aber extrem kurze Beine, verfolgten die Erfinder das Zuchtziel „Haarlosigkeit gepaart mit Kurzbeinigkeit“. Kurzbeinigkeit entsteht, wenn die Beine vorzeitig ihr Wachstum einstellen (Chondrodysplasie bzw. Chondrodystrophie). Ein Programmfehler, wenn man so will, denn normalerweise wachsen die Beine proportional zum Körper. Aufgrund eines Gendefekts schließen sich die Wachstumsfugen der Beinknochen zu früh. In der Folge stellen die Beine ihr Längenwachstum ein und es kommt zu Fehlstellungen. Nackt und kurzbeinig, ist diese Katze nur noch eine Karikatur ihrer Art.  

Dieser Gendefekt geht ebenfalls einher mit Skelettschäden. Dackel, Bassets und Co. können ein Lied davon singen mit ihrer darauf zurückzuführenden Veranlagung zu Bandscheibenvorfällen und Gelenkfehlstellungen mit hohem Arthroserisiko. Auch wenn wir uns an das Aussehen dieser Hunde gewöhnt haben, weil die Selektion daraufhin bereits zu einer Zeit erfolgte, als man noch nichts über Folgeschäden wusste: Gesund ist es nicht. Glücklicherweise ist Kurzbeinigkeit bei Katzen bislang nur sehr vereinzelt zu finden. 

Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel Gambino-Katze © iStock
Kein Fake-Foto, sondern eine Bambino-Katze (Dwelf-Katze). Zuchtziel: nackt mit Dackelbeinen.  ©YEVGENIY MOROZOV/iStock

Katzen ohne Fell speziell für Allergiker? 

Nuddies, wie sie manchmal auch genannt werden, sind Katzen für Allergiker. Damit werben Züchter von Nacktkatzen um Käufer für ihre Welpen. Meist kommen Allergiker tatsächlich mit Nacktkatzen besser klar, obwohl manche noch etwas Fell haben können. Eine Garantie für die ausbleibende allergische Reaktion gibt es allerdings nicht, weil jeder Allergiker auf andere Allergenmengen in der Luft reagiert. Die ausgeschiedene Menge wird aber vom Individuum und vom Geschlecht der Katze bestimmt, nicht davon, ob sie Fell hat oder nicht.  Die für die allergische Reaktion verantwortliche Eiweißverbindung „Fel d 1“ kommt vor allem in den Talgdrüsen und Speichel, aber auch im Urin vor. Es gerät über Hautschuppen in die Luft. Nacktkatzen werden gewaschen und putzen sich weniger. Damit gelangen weniger Allergene in die Luft und in die Atemwege von Allergikern.

Aus ethischen Gründen ist das Argument trotzdem sehr kritisch zu hinterfragen. Der Wunsch von Allergikern nach einer Katze ist verständlich, keine Frage, er rechtfertigt allerdings nicht die Zucht von Tieren, die unter entsprechenden Zuchtkriterien leiden. Sie leiden darunter sicher nicht im menschlichen Sinne, schließlich kennen sie keine Alternative. Sie betrachten sich nicht und sagen: Ich hätte auch gerne so ein schönes, schützendes Fell wie Nachbars Katze; ich fühle mich hässlich mit den vielen Falten, dem dünnen Rattenschwanz, dem spitzen Gesicht, den komischen Ohren und werde deswegen im Internet gemobbt. 

Sie leiden, weil sie mit größerer Wahrscheinlichkeit Gesundheitsschäden und Verhaltensabweichungen entwickeln, unter denen ihre befellten Artgenossen viel seltener oder überhaupt nicht leiden müssen. Das wird billigend in Kauf genommen. Ein Nahrungsmittel-Allergiker muss auf Allergie auslösende Nahrungsmittel verzichten und auf Alternativen ausweichen. Und so schwer es dem einzelnen fallen mag, wegen einer Allergie auf die Haltung von Katzen verzichten zu müssen, ihm stehen viele andere Tierarten zur Auswahl, die das Leben bereichern können, ohne Klickrekorde für den Titel “Hässlichste Katze der Welt” zu sammeln oder gerichtlich als Qualzucht eingestuft zu werden. 

Nacktkatzen: Haarlosigkeit als Zuchtziel Sphynx und mit Haaren ©mrviktorzolotukhin/Pixabay
Katzen ohne Fell müssen vor Kälte geschützt werden. ©mrviktorzolotukhin/Pixabay

Tierschutzrelevant – Faltohren und das Fehlen von Vibrissen  

Dann wären da noch die wirtschaftlichen Interessen der Züchter. So eine Nacktkatze kann schon mal einige tausend Euro kosten. Je exotischer das Tier, desto höher der Preis. Kein Wunder also, wenn vor Gericht darüber gestritten und entschieden wird, ob die Zucht im Einklang steht mit dem Tierschutzgesetz. Für Sphynx-Katzen ohne funktionsfähige Vibrissen und für Faltohrkatzen gilt ganz offiziell: Sie ist es nicht. Diese Merkmale werden als Qualzucht-Kriterien eingestuft.  

Das Berliner Verwaltungsgericht bestätige die Anordnung zur Zwangskastration eines Sphynx-Katers nach Paragraph 11b TierSchG schon 2015 als rechtens. Dagegen geklagt hatte die Besitzerin eines Zuchtkaters. In der Urteilsbegründung heißt es: “Zum Anderen verkennt die Klägerin, dass nach § 11b Abs. 1 TierSchG das Auftreten eines Schadens nicht nachgewiesen werden muss, sondern dass es ausreicht, wenn ein erblich bedingter Schaden bei der Nachzucht nach züchterischen Erkenntnissen zu erwarten ist. Die hierfür erforderliche hinreichende Wahrscheinlichkeit ist auf Grundlage der genetischen Grundsätze, der weit überwiegenden Literaturansicht sowohl zur herausragenden Bedeutung von Tasthaaren für Katzen als auch zu den Folgen des Fehlens von funktionsfähigen Tasthaaren unter zusätzlicher Heranziehung der Ausführungen des gerichtlich bestellten Gutachters zur Überzeugung der Kammer gegeben. Für eine abweichende Prognose sind keine tragfähigen Anhaltspunkte dargetan oder sonst ersichtlich.”(Verwaltungsgericht Berlin, Urteil vom 23.11.2015 – VG 24 K 202.14). 

Auch die Fédération internationale Féline (FIFe) führt Katzen ohne Schnurrhaare unter der Rubrik “Nicht zur Zucht zugelassen” an (Zucht- und Registrierungsregeln vom 1.1.2017), ebenso der Deutsche Edelkatzenzuchtverband. Wobei Nacktkatzen ohne funktionsfähige Vibrissen, die aber sichtbar sind, zugelassen sind. Die Akzeptanz der Funktionslosigkeit widerspricht eindeutig dem deutschen Tierschutzgesetz. Funktionsfähigkeit von Vibrissen ist gebunden an eine bestimmte Form: Lang und ungekräuselt müssen sie sein und dürfen nicht abbrechen. Das ist aber bei Nacktkatzen selten gegeben, denn ihre Schnurrhaare erfüllen diese Kriterien im Allgemeinen nicht.

Paragraph 11b Tierschutzgesetz

(1) Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch biotechnische Maßnahmen zu verändern, soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse oder im Falle der Veränderung Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass als Folge der Zucht oder Veränderung 

1.bei der Nachzucht, den biotechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder

2.bei den Nachkommen 

a)mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,

b)jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder

c)die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.

(2) Die zuständige Behörde kann das Unfruchtbarmachen von Wirbeltieren anordnen, soweit züchterische Erkenntnisse oder Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass deren Nachkommen Störungen oder Veränderungen im Sinne des Absatzes 1 zeigen werden.

(3) Die Absätze 1 und 2 gelten nicht für durch Züchtung oder biotechnische Maßnahmen veränderte Wirbeltiere, die für wissenschaftliche Zwecke notwendig sind.

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Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. Seit 2014 schreibt sie für ATM und ATN Blogbeiträge, ist Autorin zahlreicher Lehrskripte und betreut als ATN-Tutorin Studierende unterschiedlicher Fachbereiche. In die Wissensvermittlung fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen und verhaltenstherapeutischen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Pferde-, Hunde- und Katzenhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und 1.Vorsitzende im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

Quellenauswahl (für das Gesamtverzeichnis bitte „Quellen“ anklicken)

Verwaltungsgericht Berlin, Urteil vom 23.11.2015 – VG 24 K 202.14 (Anordnung der Kastration eines Sphinx-Zuchtkaters und Zuchtverbot) https://gesetze.berlin.de/bsbe/document/JURE150015722 

Karina Schöll: Qualzuchtmerkmale bei der Katze und deren Bewertung unter tierschutzrechtlichen Aspekten (Dissertation Justus-Liebig-Universität Gießen, 2021) http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2021/15863/pdf/SchoellKarina_2020_12_02.pdf

Barbara Gandolfi et al.: The naked truth: Sphynx and Devon Rex cat breed mutations in KRT71 (Mammalian genome, 2010 Oct;21(9-10):509-15; paywall). https://www.academia.edu/12548798/The_naked_truth_Sphynx_and_Devon_Rex_cat_breed_mutations_in_KRT71  

Bundestierärztekammer, Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht: Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)  https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/gutachten-paragraf11b.html

Verwaltungsgericht Berlin, Urteil vom 23.11.2015 – VG 24 K 202.14 (Anordnung der Kastration eines Sphinx-Zuchtkaters und Zuchtverbot) https://gesetze.berlin.de/bsbe/document/JURE150015722 

Barbara Gandolfi et al.: A dominant TRPV4 variant underlies osteochondrodysplasia in Scottish fold cats (Osteoarthritis and Cartilage; Vol. 24, Issue 8, pages 1441-1450; August 2016) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1063458416300139

Barbara Gandolfi et al.: The naked truth: Sphynx and Devon Rex cat breed mutations in KRT71 (Mammalian genome, 2010 Oct;21(9-10):509-15; paywall). https://www.academia.edu/12548798/The_naked_truth_Sphynx_and_Devon_Rex_cat_breed_mutations_in_KRT71  

Masamine Takanosu, Yuki Hatori: Osteochondrodysplasia in Scottish Fold cross-breed cats (VetMedSci, 2020 Dec 26, Vol.82, Issue 12, pages 1769-1772; paywall) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33162427/

Bundestierärztekammer, Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht: Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)  https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/gutachten-paragraf11b.html

Verwaltungsgericht Ansbach, Beschluss v. 4.3.2019. Bedingte Klageerhebung, Qualzucht (Scottish Fold-Katzen) Zuchtverbot gemäß §11b Abs. 1 TierSchG, Az.  AN 10 K 18.00952 https://openjur.de/u/2335937.html

Landtag Rheinland-Pfalz, Unterrichtung der Landesregierung vom 23.Dezember 2016, Tierschutzbericht 2014/2015 https://dokumente.landtag.rlp.de/landtag/drucksachen/1932-17.pdf

Karina Schöll: Qualzuchtmerkmale bei der Katze und deren Bewertung unter tierschutzrechtlichen Aspekten (Dissertation Justus-Liebig-Universität Gießen, 2021) http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2021/15863/pdf/SchoellKarina_2020_12_02.pdf

Tierschutzombudsstelle Wien, Presseaussendung: Vorsicht vor Faltohrkatzen (29.5.2020) www.ots.at https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200529_OTS0052/tierschutzombudsstelle-wien-vorsicht-vor-faltohrkatzen

Marcus Skupin: Haarlose Feliden: Herkunft, Rassen, Haltung (Edition Welt der Katzen, 2017)

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